{"id":8,"date":"2023-03-18T13:17:16","date_gmt":"2023-03-18T12:17:16","guid":{"rendered":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/?p=8"},"modified":"2023-03-18T15:04:06","modified_gmt":"2023-03-18T14:04:06","slug":"unser-leontjev-thesen-zum-gebrauchswert-der-taetigkeitstheorie-fuer-soziale-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/?p=8","title":{"rendered":"\u201eUnser Leontjev\u201c Thesen zum Gebrauchswert der T\u00e4tigkeitstheorie f\u00fcr Soziale Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>2021-10-16<\/p>\n<p>Dorothee Roer, Renate Maurer-Hein<\/p>\n<p><strong><u>\u00a0<\/u><\/strong><\/p>\n<p><strong><u>Frage<\/u><\/strong><strong>: K\u00f6nnen Theorien Gebrauchswert haben? Oder: Was hat der Gebrauchswert in der wissenschaftlichen Diskussion zu suchen? <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach marxistischem Verst\u00e4ndnis kann alles, Materielles wie Immaterielles, also auch Theorie, ein \u201eDing\u201c sein = Gebrauchswert haben. Mit Eichhorn bestimmt sich der Gebrauchswert eines Dings aus seiner N\u00fctzlichkeit. \u201eDie N\u00fctzlichkeit eines Dinges macht es zum Gebrauchs-Wert, der also einerseits bedingt ist durch die nat\u00fcrliche Eigenschaft von Dingen, unmittelbar oder vermittelt irgendein Bed\u00fcrfnis zu befriedigen, andererseits aber nur als Gegenstand von menschlichen Bed\u00fcrfnissen Gebrauchs-W. ist und sich nur im Gebrauch realisiert.\u201c (Eichhorn 1977, 717). Das hei\u00dft zweierlei: Wenn wir nach dem Gebrauchswert von Theorie (in diesem Fall der T\u00e4tigkeitstheorie) fragen, dann fragen wir einerseits nach den \u201enat\u00fcrlichen Eigenschaften\u201c des Dings = dieser Theorie. Und andererseits fragen wir nach unseren \u201emenschlichen Bed\u00fcrfnissen\u201c als Wissenschaftler*innen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Worin konkret k\u00f6nnte nun der Gebrauchswert wissenschaftlicher Theorie bestehen? Ohne hier tiefer in die erkenntnistheoretischen Debatten um Wesen und Funktion von Wissenschaft einzusteigen (vgl. dazu z.B. Bernal 1978), halten wir fest: als kritische Psychologinnen mit einer N\u00e4he zu historisch-materialistischem Denken gehen wir davon aus, da\u00df Theorien Deutemuster f\u00fcr Realit\u00e4t sind. Eine \u201ebrauchbare\u201c Theorie sollte u.a. eine m\u00f6glichst umfassende Deutung der zu untersuchenden Realit\u00e4t erlauben, in sich widerspruchsfrei sein und, f\u00fcr die Sozialarbeitswissenschaften besonders wichtig, Perspektiven f\u00fcr die Praxis er\u00f6ffnen. Sie sollte damit unser \u201eBed\u00fcrfnis\u201c befriedigen, (soziale) <em>Wirklichkeit<\/em> <em>wirklich, <\/em>d.h. umfassend, zu verstehen. Zugleich erwarten wir von ihr, da\u00df sie auf ein Verst\u00e4ndnis nachhaltigen professionellen Handelns (in der Sozialen Arbeit) orientiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><u>These 1: <\/u><\/strong><strong>T\u00e4tigkeitstheorie hat f\u00fcr uns als kritische Psychologinnen einen hohen Gebrauchswert, weil sie uns hilft, ein \u201echronisches\u201c Problem in den Subjekt- und Sozialwissenschaften zu erkennen und zu bearbeiten: die (Nicht-) Gestaltung des Verh\u00e4ltnisses von Subjekt und Gesellschaft.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr den unvoreingenommenen Blick scheint klar: Individuum ist nicht ohne Gesellschaft und Gesellschaft ist nicht ohne Individuum zu denken; sie sind (wie auch immer) aufeinander bezogen. In den b\u00fcrgerlichen Subjekt- und Sozialwissenschaften gelingt allerdings selten eine tragf\u00e4hige Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Subjekt und Gesellschaft, Psychischem und Sozialem. Beide Konstrukte werden als einander antagonistisch gegen\u00fcberstehende Qualit\u00e4ten begriffen (erkl\u00e4rend dazu z.B. Tomberg 1971, Tomberg 1973). Diese Entgegensetzung verunm\u00f6glicht nachgerade eine Verh\u00e4ltnisbestimmung. Als (Schein-) L\u00f6sung bietet sich an, eine der Dimensionen erst gar nicht zu thematisieren. In der Geschichte der Psychologie dominieren von Beginn an ungesellschaftliche und ahistorische, z.B. ontologische und biologische Subjekt-Konstruktionen (kritisch dazu z.B. Jaeger \/ Staeuble 1978, J\u00fcttemann 1986, Mattes \/ Rexelius 1986). Allenfalls findet sich die Perspektive der Gesellschaftlichkeit des Individuums etwas unterbelichtet in der Subdisziplin \u201eSozialpsychologie\u201c. In der soziologischen Theoriebildung dagegen wird dem Subjekt in der Regel kaum Aufmerksamkeit gewidmet (au\u00dfer in Randdisziplinen wie Mikrosoziologie, qualitative Sozialforschung etc.). Wie sich das Ausklammern einer Verh\u00e4ltnisbestimmung Subjekt \u2013 Gesellschaft in den Sozialarbeitswissenschaften auswirkt, werden wir in These 2 und 3 diskutieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Ergebnis gleich, stehen sich in den meisten subjekt- und sozialwissenschaftlichen Theorien in den verschiedenen Varianten das a-soziale Subjekt und eine ent-individualisierte Gesellschaft (=Struktur) fremd bis unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber. Menschen k\u00f6nnen nicht als eigenst\u00e4ndige, handelnde, ihrem Wesen nach gesellschaftliche Subjekte gesehen werden, Gesellschaft nicht als Ort und Produkt der Gestaltung durch ebendiese Subjekte. Der Blick auf Ver\u00e4nderung und Ver\u00e4nderbarkeit ist verstellt, der jeweilige Status Quo wird zur Naturtatsache stilisiert (vgl. z.B. Roer 2010, 55).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anders als in den b\u00fcrgerlichen Subjekt- und Sozialwissenschaften werden bei Leontjev Subjekt und Gesellschaft, vermittelt \u00fcber das Konstrukt \u201eT\u00e4tigkeit\u201c, als dialektische Einheit gefa\u00dft. Indem das Subjekt in seiner T\u00e4tigkeit fortw\u00e4hrend zwischen sich und seiner Welt vermittelt, erschafft es sich und seine Welt (damit auch die Gesellschaft) st\u00e4ndig neu. Subjekte werden so in ihrer psychischen Einmaligkeit <strong>wie<\/strong> in ihrer Gesellschaftlichkeit und Historizit\u00e4t gesehen, Gesellschaft wird verstanden sowohl als Struktur als auch durch Subjekte hergestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine solche Theorie kann komplexe und konsistente Annahmen formulieren, hat eine vergleichsweise gro\u00dfe Reichweite. Zudem kann sie sowohl psychische wie gesellschaftliche Ist-Zust\u00e4nde und Ver\u00e4nderungen eindeutig als Prozesse bzw. Bewegung beschreiben. So werden sie nachvollziehbar, in ihrem Gewordensein begriffen. Zugleich lassen sie sich als Produkt struktureller Entwicklung<strong> und <\/strong>individueller T\u00e4tigkeit bestimmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>These 2: T\u00e4tigkeitstheorie hat f\u00fcr uns als Lehrende in der Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeiter*innen einen hohen Gebrauchswert, weil sie in der Sozialarbeits-<u>Wissenschaft<\/u> eine widerspruchsfreie Formulierung des Verh\u00e4ltnisses von Subjekt und Gesellschaft erm\u00f6glicht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb der Disziplin besteht weitgehend Konsens dar\u00fcber, da\u00df Soziale Arbeit immer sowohl individuelle Hilfe \/ Unterst\u00fctzung als auch die Umsetzung sozialpolitischer Zielsetzungen umfa\u00dft. Deshalb kommt die Disziplin (im Unterschied z.B. zur Psychologie oder Soziologie) an einer Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Subjekt und Gesellschaft nicht vorbei. Die Arbeit an dieser Schnittstelle (in der Sozialen Arbeit konkretisiert als Verh\u00e4ltnis \u201cKlient*in versus hoheitlich agierende Institutionen der Sozialverwaltung\u201c), ist f\u00fcr die Sozialarbeitswissenschaften konstitutiv; sie wird in den meisten Theorien der Disziplin auch geleistet. Allerdings f\u00fchren die Ergebnisse in der Regel eher zu Problemen als zu L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Exemplarisch soll das verdeutlicht werden an der Theorie des doppelten Mandats <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> = der Bestimmung Sozialer Arbeit als einer Profession, mandatiert durch den Staat einerseits und durch die Klient*innen andererseits. Dieses Konstrukt (vgl. z.B. Lutz 2020), in den 80ern entwickelt, ist eine S\u00e4ule des Selbstverst\u00e4ndnisses der Profession und Disziplin. Aktuell wird der Ansatz z.B. im Zusammenhang mit dem Kinderschutzthema stark diskutiert (z.B. Kelle \/ Dahmen 2019, Deichmann 2020). Das erste Mandat (Mandat des Staates, in der Theorie des doppelten Mandats definiert als Kontrolle) beschreibt die gesellschaftliche Dimension sozialarbeiterischen Handelns, das zweite Mandat (das der Klient*innen, in dem Ansatz = Hilfe) benennt die subjektive Dimension. Beide Mandate sollen im professionellen Handeln gleichwertig sein. Soziale Arbeit w\u00fcrde danach einerseits durch gesellschaftliche Strukturen, andererseits durch die Intentionen, Bed\u00fcrfnisse etc. der betreffenden Subjekte (Klient*innen) bestimmt, also auf zwei Ebenen stattfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber in welcher Beziehung stehen die Mandate zueinander? Meist ist in diesem Zusammenhang die Rede von einem Spannungsverh\u00e4ltnis. Das vermittelt, da\u00df die beiden Dimensionen in einer konflikthaften Beziehung zueinander stehen (k\u00f6nnen), die auch als Strukturproblem oder \u201eprinzipielle Widerspr\u00fcchlichkeit\u201c (Lutz 2020) beschrieben wird. Wie dieses <strong>Verh\u00e4ltnis<\/strong> genau zu denken ist, welches Mandat sich wann, wie und warum \u201edurchsetzt\u201c und welche Folgen das f\u00fcr die Realisierung des je anderen Mandats hat, ist in der Regel nicht Gegenstand der Analyse. Das erstaunt umso mehr, als sich diese Leerstelle mit einer sehr naheliegenden Frage schlie\u00dfen lie\u00dfe, n\u00e4mlich der, wie Interventionen in der Sozialen Arbeit \u00fcberhaupt zustande kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sowohl die Praktiker*innen wie die Theoretiker*innen sind sich darin einig, da\u00df das staatliche Mandat (= Kontrolle) dem klientelischen Mandat (=Hilfe) immer vorgelagert ist, es l\u00f6st die Intervention erst aus. Ohne Kontrollbedarf keine Hilfsma\u00dfnahmen. Daraus folgt u.a.: \u201eHilfe\u201c wird in ihrer Form, quantitativ und qualitativ, immer durch \u201eKontrolle\u201c bestimmt. In welcher Weise das genau geschieht, l\u00e4\u00dft sich anhand der einschl\u00e4gigen sozialpolitischen Gesetze, Verordnungen, Durchf\u00fchrungsbestimmungen etc. kl\u00e4ren. Erwartungen, W\u00fcnsche etc. der Klient*innen k\u00f6nnen nur im Rahmen dieser Vorgaben ber\u00fccksichtigt werden. In jedem Fall kann die Hilfe nur gew\u00e4hrt werden, wenn das Anliegen auf dem Wege der Antragstellung so in ein Defizit umdefiniert wird, da\u00df die Voraussetzung f\u00fcr staatlichen Handlungsbedarf vorliegt (zugespitzt: auf diese Weise vollzieht sich staatliche Enteignung der Rechte der Klient*innen). Also wird die gesamte Intervention dominiert von der f\u00fcr alle staatlich autorisierten sozialen Ma\u00dfnahmen geltenden Zielsetzung der Normalisierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das faktische Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen gesellschaftlicher Determination und subjektiven Einflu\u00dfm\u00f6glichkeiten spiegelt sich schon in der Tatsache, da\u00df das erste Mandat real vorhanden = ausformuliert, damit \u00fcberpr\u00fcfbar ist, w\u00e4hrend das zweite Mandat nicht in einer objektivierten Fassung existiert.Vielmehr scheint es dem Selbstverst\u00e4ndnis der Sozialen Arbeit als helfender Profession zu entstammen. D.h. Soziale Arbeit ist und bleibt ihrem Wesen nach Normalisierungsarbeit. Diese Tatsache\u00a0 ist je nach Arbeitsfeld st\u00e4rker oder schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt, deutlicher oder weniger deutlich erkennbar, direkter oder indirekter, l\u00e4sst sich aber als Prinzip \u00fcber alle Differenzierungen hinweg nachweisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn also Fakt ist, da\u00df das erste Mandat die reale Kraft im professionellen Prozess ist, das zweite real eine goodwill Erkl\u00e4rung, eine ideologische Setzung, dann fragt sich, was die Erz\u00e4hlung von der Mandatierung Sozialer Arbeit durch Klient*innen wirklich sagt. Indem diese Rede, wie gezeigt, einen so geringen Anhalt an der Empirie hat, wirft sie haupts\u00e4chlich Fragen und Zweifel an ihrer Stringenz auf und verweist so st\u00e4ndig auf das, was sie eigentlich verschleiern sollte: Soziale Arbeit ist und bleibt ein sozialpolitisches Steuerungsinstrument. Dieses Paradoxon tritt noch deutlicher hervor, wenn man die Erz\u00e4hlung um das dritte Mandat (die an den Menschenrechten orientierte Selbstmandatierung) erweitert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Tendenzen der Verschleierung der dunklen Seiten der Provenienz der Profession finden sich auch in vielen anderen Theorien des sozialarbeitswissenschaftlichen Mainstreams. Insofern sie sich nicht wirklich konsequent von dem obrigkeitsstaatlichen Modell Sozialer Arbeit verabschieden, eignen sie sich auch nicht wirklich als wissenschaftliche Begr\u00fcndungen f\u00fcr eine Praxis, die sich von den Klient*nnen her bestimmt, also eine aus unserer Sicht kritische, gesellschaftsver\u00e4ndernde Soziale Arbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und Leontjev? K\u00f6nnte die T\u00e4tigkeitstheorie die Grundlegung f\u00fcr eine solche kritische Soziale Arbeit liefern? T\u00e4tigkeitstheoretisch w\u00fcrden wir in unseren \u00dcberlegungen von der Annahme zweier t\u00e4tiger Subjekten ausgehen. Beide, die Professionelle wie die Zielperson, w\u00e4ren innerhalb ihrer Welten permanent in Prozesse der Aneignung und Vergegenst\u00e4ndlichung involviert, auf diese Weise nimmt die Analyse immer zugleich die T\u00e4tigkeit der Subjekte <strong>und<\/strong> die Strukturen der gesellschaftlichen R\u00e4ume, innerhalb derer sie t\u00e4tig sind, in den Blick. Diese Konstruktion f\u00fchrt dazu, beide Protagonist*innen als Pers\u00f6nlichkeiten und Expert*innen ihres jeweiligen Lebens zu betrachten. Dabei w\u00fcrden sie mit sehr unterschiedlichen Zielsetzungen, Mitteln, M\u00f6glichkeiten etc. agieren. Aus einem Widerspruch zwischen vermeintlich zwei Mandaten wird in dieser Lesart der Widerspruch zwischen zwei autonomen, miteinander agierenden Subjekten: dieser Widerspruch zeigt sich, l\u00e4sst sich analysieren und vielleicht auch bearbeiten (vgl. weiter unten).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Offen bleibt in dieser Konstruktion die Frage, wie die beiden theoretisch so unterschiedlichen Protagonist*innen real <strong>miteinander <\/strong>handeln. Leontjevs Theorie der Pers\u00f6nlichkeit, konsequent historisch und gesellschaftlich konstruiert, wurde im Rahmen seiner Allgemeinen Psychologie erarbeitet. Eine interpersonelle Perspektive ist nicht Gegenstand seiner Theorie, kann aber, wegen ihrer historisch-materialistischer Fassung, durchaus aus ihr heraus entwickelt werden. Das wollen wir im Folgenden ansatzweise versuchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Miteinanderhandeln, Interaktion, Interpersonalit\u00e4t meint die Wechselwirkung zwischen agierenden Subjekten. Nicht die einzelnen Akteur*innen sind Gegenstand der Untersuchung, sondern die Bewegung zwischen ihnen. Analog Leontjevs Verst\u00e4ndnis von T\u00e4tigkeit als einem \u201e\u2026Proze\u00df, in dem die wechselseitigen \u00dcberg\u00e4nge zwischen den Polen \u201aSubjekt \u2013 Objekt\u2018 verwirklicht werden.\u201c (Leontjev 1979, 83), kann man sagen, das interpersonelle Geschehen ist der Proze\u00df der wechselseitigen \u00dcberg\u00e4nge zwischen unterschiedlichen Akteur*innen (Subjekten, Gruppen usw.). Dieser Prozess l\u00e4\u00dft sich beschreiben als dialektische Bewegung, als Bewegung von Widerspr\u00fcchen und durch Widerspr\u00fcche, die dem Proze\u00df seine spezifische Qualit\u00e4t und Richtung (im Sinne von Entwicklung) geben.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Menschenbild der T\u00e4tigkeitstheorie und die Hypothese \u201eInteraktion als Prozess der \u00dcberg\u00e4nge zwischen Akteur*innen\u201c sensibilisieren f\u00fcr das Typische interpersoneller\u00a0 Prozesse in der Sozialen Arbeit. Aus dieser Sicht stellen sie sich dar als dominiert von einer Asymmetrie der Ressourcen und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten der Kontrahent*innen und einer gro\u00dfen (aus dieser Asymmetrie resultierenden?) gegenseitige Fremdheit der Akteur*innen. Dadurch folgt, da\u00df sich in solchen Interaktionen besonders scharfe, oft antagonistische (die Wechselwirkungen dominierende) Widerspr\u00fcche (genaueres dazu vgl. z.B. Roer \/ Maurer-Hein 2019) herausbilden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Gebrauchswert der t\u00e4tigkeitstheoretischen Perspektive ist f\u00fcr uns enorm. Der Ansatz bietet uns nicht nur die professionskritische M\u00f6glichkeit, Gr\u00fcnde f\u00fcr Erfolg und Scheitern sozialarbeiterischer Intervention zu erkennen, er die theoretische Grundlage f\u00fcr eine kritische, Praxis der Sozialen Arbeit (mehr dazu z.B. Roer \/ Maurer-Hein 2019).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>These 3: T\u00e4tigkeitstheorie hat einen hohen Gebrauchswert f\u00fcr die professionelle <u>Praxis<\/u> der Sozialen Arbeit, indem sie den Professionellen erm\u00f6glicht, konstruktiv mit den Widerspr\u00fcchen ihres beruflichen Alltags umzugehen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr die folgenden \u00dcberlegungen ist die Analyse professioneller Interaktion, t\u00e4tigkeitstheoretisch verstanden als Bewegung zwischen den Protagoist*innen. Die Bewegung in den Mittelpunkt der Anayse zu stellen, hei\u00dft f\u00fcr die Professionelle, immer <strong>zugleich<\/strong> sich und die Klientin im Blick zu haben, beide als gleichwertige Akteur*innen wahrzunehmen, mit allem, was sie in ihrer Unterschiedlichkeit ausmacht: ihren Pers\u00f6nlichkeiten, ihrem Gewordensein, ihren Lebenswelten, den unterschiedlichen Zug\u00e4ngen zur \u201eHilfe\u201c-Situation etc. Dieser Ansatz ist durchaus nicht selbstverst\u00e4ndlich und weicht deutlich ab von dem herk\u00f6mmlichen Vorgehen, das zun\u00e4chst und vor allem auf Ver\u00e4nderung der Situation der Betroffenen zielt, d.h. nur eine Blickrichtung hat. Die Klientin, das Gegen\u00fcber, kann in diesem Szenario konsequent nur als Gegenstand der Bem\u00fchung, als \u00a0passive Gr\u00f6\u00dfe erscheinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn die p\u00e4dagogische Intervention aber (?) als Bewegung zwischen zwei (unterschiedlichen) Protagonist*innen gesehen wird, hei\u00dft das auch, diese Bewegung als Ko-Produktion (Ko = gemeinsam von Anfang an; Produktion = T\u00e4tigkeit als Prozess) zu begreifen und den professionellen Prozess entsprechend zu gestalten. Ko-produktive sozialarbeiterische Praxis gilt unstrittig als Format nachhaltigen Handelns (sie wird z.B. in den meisten Empowerment-, Recovery-, Partizipations-, etc. Ans\u00e4tzen thematisiert) und kann damit auch die von uns intendierte kritische Soziale Arbeit anleiten. Aus der Sicht auf sozialarbeiterische Intervention als Bewegung zwischen Protagonist*innen l\u00e4\u00dft sich zudem eine Methode professionellen Handelns ableiten, die lehrbar und \u00fcberpr\u00fcfbar ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An anderer Stelle (Roer \/ Maurer-Hein 2019) haben wir gezeigt, da\u00df in der Sozialen Arbeit Interaktionen aufgrund prinzipieller, aber gew\u00f6hnlich nicht thematisierter Widerspr\u00fcche oft in unproduktive Prozesse der Stagnation und Entfremdung m\u00fcnden. Um zu begreifen, was da passiert und wie, ist es notwendig, gerade auch die Widerspr\u00fcche t\u00e4tigkeitstheoretisch in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Widerspruch sehen hei\u00dft, nicht nur sehen, was geht (s.o. = die Ko-Produktion) sondern auch sehen, was nicht geht, das hei\u00dft: objektive und subjektive Hindernisse und Widerspr\u00fcche auf seiten beider Protagonist*innen und in der Interaktion zwischen ihnen benennen, sie so zum Gegenstand der Ko-Produktion zu machen, um auf diese Weise doch wieder mit ihnen umgehen zu k\u00f6nnen (indem sie, wo m\u00f6glich, behoben werden oder stehen gelassen oder aus der Ma\u00dfnahme ausgeklammert werden, oder\u2026). Wesensm\u00e4\u00dfige und Schuldzuschreibungen (= klassische \u201eBremskl\u00f6tze\u201c f\u00fcr eine produktive Beratung und Unterst\u00fctzung) k\u00f6nnen in einem solchen Verfahren gar nicht entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Sichten des Unthematisierten kann die Professionelle auch auf Widerspr\u00fcche sto\u00dfen, die sie f\u00fcr unl\u00f6sbar und prinzipiell kontraproduktiv f\u00fcr den Prozess h\u00e4lt. In solchen F\u00e4llen kann sie die Ma\u00dfnahme in der bisherigen Form beenden und unter Umst\u00e4nden auf nicht-p\u00e4dagogischem Weg weiter an dem Problem arbeiten, z.B. politisch (was nat\u00fcrlich nicht hei\u00dfen soll, da\u00df sie nicht auch ohne die Erfahrung solch gravierender Fallprobleme politisch aktiv sein kann). Arbeiten an und mit Widerspr\u00fcchen hilft damit, professionelle Spielr\u00e4ume auszuloten und zu erweitern.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wir hoffen gezeigt zu haben, welchen Gebrauchswert T\u00e4tigkeitstheorie f\u00fcr die Theorieentwicklung und das Verst\u00e4ndnis der Praxis der Sozialen Arbeit hat. Der t\u00e4tigkeitstheoretische Blick hat uns in der Aus- und Weiterbildung, in Supervision und Intervision beste Dienste geleistet. Eichhorn betont, da\u00df Gebrauchswerte immer den stofflichen Inhalt des gesellschaftlichen Reichtums bilden (vgl. Eichhorn 1977, 717). In diesem Sinn w\u00fcrden wir uns w\u00fcnschen, da\u00df auch weiterhin mit vielf\u00e4ltigem Gebrauch der T\u00e4tigkeitstheorie vielf\u00e4ltig zum gesellschaftlichen Reichtum beigetragen wird.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lit.:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Bernal, John Desmond<\/strong> (1978) Sozialgeschichte derWissenschaften, Bd.1 Entstehung und Wesen der Wissenschaften, die Wissenschaften im Altertum, die Wissenschaften im Zeitalter des Glaubens, Reinbek: Rowohlt<\/p>\n<p><strong>Deichmann, Carina <\/strong>(2020) Das Doppelmandat in der sozialen Arbeit. Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Hilfe und Kontrolle, \u2026\u2026\u2026\u2026<\/p>\n<p><strong>Kelle, Helga \/ Dahmen, Stephan (hg.) <\/strong>(2019) Ambivalenzen des Kinderschutzes. Empirische und theoretische Perspektiven. Weinheim und Basel: Beltz Juventa<\/p>\n<p><strong>Jaeger, Siegfried \/ Staeuble, Irmgard<\/strong> (1978) Die gesellschaftliche Genese der Psychologie, Frankfurt\/M. \/ New York: Campus<\/p>\n<p><strong>Leontjev, Alexej N. <\/strong>(1979) T\u00e4tigkeit Bewu\u00dftsein Pers\u00f6nlichkeit, Berlin\/Ost: Verlag Volk und Wissen<\/p>\n<p><strong>Lutz, Ronald<\/strong> (2020) Doppeltes Mandat (online) Socialnet Lexikon, Bonn: socialnet 13.01.2020, Zugriff: 17.09.2021<\/p>\n<p><strong>Mattes, Peter \/ Rexilius, G\u00fcnter<\/strong> (1986) \u00dcber die Wissenschaft Psychologie und die, die sie betreiben, in: Grubitzsch, Siegfried \/ Rexilius, G\u00fcnter (hg.) Psychologie. Theorien, Methoden, Arbeitsfelder. Ein Grundkurs, Reinbek: Rowohlt, S.681-698<\/p>\n<p><strong>Roer, Dorothee \/ Maurer-Hein, Renate<\/strong> (2019) Treffen zwei t\u00e4tige Subjekte aufeinander- die t\u00e4tigkeitstheoretische Sicht auf Interaktion in der Sozialen Arbeit, in: T\u00e4tigkeitstheorie. Journal f\u00fcr t\u00e4tigkeitstheoretische Forschung in Deutschland, Heft 15, 2019, S.139-168<\/p>\n<p><strong>Roer, Dorothee<\/strong> (2010) Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen marginalisierte Menschen (wi<em>e<\/em>der)sprechen! Aber: K\u00f6nnen wir sie auch verstehen? In: Dege, Martin \/ Grallert, Till \/ Dege, Carmen \/ Chimirri, Niklas (hg.) K\u00f6nnen Marginalisierte (wi<em>e<\/em>der)sprechen? Zum politischen Potenzial der Sozialwissenschaften, Gie\u00dfen: Psychosozial-Verlag, S.53-78<\/p>\n<p><strong>Staub-Bernasconi, Sylvia <\/strong>(2018) Soziale Arbeit als Handlungswissenschaften auf dem Weg zu kritischer Professionalit\u00e4t. 2. vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitete u. aktualisierte Ausgabe, Opladen: Verlag Barbara Budrich<\/p>\n<p><strong>Tomberg, Friedrich <\/strong>(1971) Was hei\u00dft B\u00fcrgerliche Wissenschaft, Das Argument 13, 461-475<\/p>\n<p><strong>Tomberg, Friedrich<\/strong> (1973) B\u00fcrgerliche Wissenschaft. Begriff, Geschichte, Kritik, Frankfurt\/M.: Fischer<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>[1] Wir vernachl\u00e4ssigen an dieser Stelle die Theorie von drei Mandaten (= Tripelmandat, vgl. z.B. Staub-Bernasconi 2018 ). Das dritte Mandat (= die wissenschaftliche und ethische Selbstverpflichtung der Profession) ist nach unserem Verst\u00e4ndnis weniger ein Mandat im eigentlichen Sinn, als vielmehr eine moralisch-ethische Me\u00dflatte zur Bewertung des eigenen Tuns bzw. zur Abwehr von Zumutungen seitens des ersten Mandats.<\/p>\n<p>Beitragsbild: <a href='https:\/\/de.123rf.com\/profile_malija'>malija<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2021-10-16 Dorothee Roer, Renate Maurer-Hein \u00a0 Frage: K\u00f6nnen Theorien Gebrauchswert haben? Oder: Was hat der Gebrauchswert in der wissenschaftlichen Diskussion zu suchen? &nbsp; Nach marxistischem Verst\u00e4ndnis kann alles, Materielles wie Immaterielles, also auch Theorie, ein \u201eDing\u201c sein = Gebrauchswert haben. Mit Eichhorn bestimmt sich der Gebrauchswert eines Dings aus seiner N\u00fctzlichkeit. \u201eDie N\u00fctzlichkeit eines Dinges&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":56,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8\/revisions\/57"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/56"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/taetigkeitstheorie.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}